Vor 100 Jahren: Das Landerziehungsheim in Struveshof wird eröffnet

Der heutige Stadtteil Struveshof hat zwar schon eine etwas ältere Geschichte, seit 100 Jahren ist er jedoch geprägt von einer Anlage mehrerer gleichartig gestalteter Gebäude, heute Sitz des Landesinstituts für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM). Nahezu sämtliche Bebauungen in der Umgebung folgten erst später. Für eine gewisse Zeit war Struveshof sogar deutlich größer als Ludwigsfelde/Damsdorf, was Bevölkerung und Bebauung angeht.

Der plötzliche Entwicklungsschub, vergleichbar mit dem, den Ludwigsfelde durch die Daimler-Benz Flugmotorenwerke erlebte, hat seine Ursache in Berlin, genauer gesagt in den Zuständen, die Mitte des 19. Jahrhunderts dort herrschten. Die Einwohnerzahl dort näherte sich der Millionenmarke, die hygienischen Zustände waren allerdings keineswegs dem angepasst. Große Probleme gab es bei der Wasserver- und Abwasserentsorgung. Die Entsorgung des verschmutzten Wassers hatte sich bis dato einfach gestaltet: Zwischen den Straßenrändern und Bürgersteigen befanden sich bis zu einem Meter breite und einem Meter tiefe Rinnsteine, durch die das häusliche und gewerbliche Abwasser sowie das Regenwasser aus der Stadt heraus transportiert wurden. Für die festen Abfallstoffe und Fäkalien waren in den Hinterhöfen Abtritte eingerichtet, die regelmäßig abgeschöpft und deren Inhalt fortgeschafft werden musste. Kleinere Kanäle, die mit Bohlen abgedeckt waren und quer über die Bürgersteige führten, leiteten das häusliche Abwasser direkt in die Rinnsteine. Aus Fallrohren an den Häuserwänden floss das Regenwasser von den Dächern über die Bürgersteige in die Rinnsteine, was in den Wintermonaten aufgrund von Glätte eine beträchtliche Gefahr für die Fußgänger darstellte. Auch hielten sich nur wenige Berliner an ein 1842 erlassenes Verbot. Viele Hausbewohner versuchten nachts das lästige Abschöpfen der Gruben zu umgehen, indem sie die Nachteimer entweder in die Rinnsteine entleerten oder den Müll einfach in die Spree kippten. Bei starkem Regen überfluteten die Straßen mit Abwasser aus den Rinnsteinen und in der ganzen Stadt breitete sich ein Gestank von Fäulnis aus. Ratten huschten durch die Straßen und ernährten sich von den Abfällen; Ungeziefer gediehen. Hinzu kam die Verunreinigung des Bodens und des Grundwassers, da die Rinnsteine und Gassen mangelhaft gepflastert waren und so das Schmutzwasser leicht versickern konnte.

Diese Zustände hätten sich bei weiter ansteigender Bevölkerungszahl schnell verschlimmert, man handelte noch rechtzeitig. Auch dank des Mediziners und Gesundheitspolitikers Rudolf Virchow, der eindringlich eine Verbesserung der Stadthygiene anmahnte. 1871 wird ein Kanalisationsprojekt für Berlin auf Basis der Verrieselung der Abwässer auf umliegenden landwirtschaftlichen Flächen entwickelt, am 16. November 1872 stellt James Friedrich Ludolph Hobrecht (1825 – 1902) die Pläne der Stadtverordnetenversammlung vor. Er als damaliger leitender Techniker für die Vorarbeiten zum Bau einer Entwässerung und sein Vorgesetzter, Friedrich Eduard Salomon Wiebe (1804 – 1892) gelten damit als die Begründer der Kanalisation. 1873 wird die Durchführung beschlossen. In der Folgezeit werden für die Berliner Stadtgüter im Berliner Umland große Flächen für diesen Zweck erworben, 1887 auch die des Vorwerks Schenkendorf. Zwei Jahre später beginnen polnische Arbeiter dort mit der Anlage von Rieselfeldern, 1893 kann die Verrieselung beginnen, sie wird mehr als 100 Jahre andauern.

Weg nach Struveshof

Weg nach Struveshof vor Bau der Potsdamer Straße

Das Vorwerk Schenkendorf (seit 1937 Schenkenhorst) bildete den Ursprung von Struveshof. Ende des 19. Jahrhunderts befanden sich dort ein kleines Gutshaus, 2 Landarbeiterhäuser und einige Wirtschaftsgebäude – ein ziemlich gottverlassenes Örtchen. Der Sandweg zwischen Ahrensdorf und Großbeeren wurde um 1900 befestigt, nach Ludwigsfelde führte weiterhin nur ein unbefestigter Waldweg.

Der Namensgeber des Ortes ist Gerhard Struve geb. 03.09.1835, Landwirtschaftsspezialist und später Verantwortlicher für die Rieselfelder der Berliner Stadtgüter. Er starb am 06.07.1904. Ein Jahr später wurde ihm zu Ehren das Vorwerk Schenkendorf in Struveshof umbenannt. Der Beschluss dazu wurde am 8.11.1905 gefasst. Bis dahin war das Vorwerk unter dem Namen „Eichenhof“ bekannt. Seit dieser Zeit schon werden die ersten Fürsorgezöglinge auf dem Hof zu Erziehungs- und Arbeitszwecken untergebracht. Dies wird auch weiterhin die Hauptaufgabe der Anlage sein.

Vor allem der Beginn des 1. Weltkrieges brachte eine Häufung von eltern-, heimat- und obdachlosen Jugendlichen mit sich. Rund um Berlin wurde daher mit dem Bau von Landerziehungsheimen begonnen. Auch in Struveshof wurden 1914 die Bauarbeiten dafür gestartet. Am 01.04.1917 konnte das größte, modernste und weitestgehend neu errichtete Landerziehungsheim der Stadt Berlin in Struveshof eröffnet werden. Das Datum gilt als Gründung des Bildungsstandortes Struveshof, obwohl die Einrichtung mit Bildung aus heutiger Sichtweise lange Jahre rein gar nichts zu tun gehabt hat. Leben der Zöglinge war hart. In erster Linie wurden die Fürsorgezöglinge als Arbeitskräfte für die Bewirtschaftung der Rieselgüter verwendet, Schulunterricht war zwar zweitrangig, wurde aber auch gegeben. Das Heim war ganz auf Selbstversorgung ausgelegt. Dazu wurden 182 ha Land – zum größten Teil Rieselfelder – bewirtschaftet, Viehwirtschaft und eine ganze Reihe weiterer Gewerke betrieben. Dadurch konnten die Zöglinge vielseitig beschäftigt werden und erhielten auch eine solide landwirtschaftliche Grundausbildung.

In den 20-er Jahren verkauft der Siethener Gutsbesitzer von Badewitz 40 Parzellen – es kommt zu Ansiedlungen zwischen der Bahnlinie, die 1926 eröffnet wurde und der Großbeerener Straße. Die Zuwanderung stagniert jedoch, sicherlich auch geschuldet von der schlechten Luft in der Umgebung. 1928 – etwas später als bereits in den Umringsgemeinden verfügbar – kam Struveshof in den Genuss elektrischen Stroms. Im Landerziehungsheim wurde dazu ein Elektrizitätswerk in Betrieb genommen, das 110 V Gleichstrom lieferte. Im selben Jahr wird Struveshof mit dem Landerziehungsheim und den neuen Gartenparzellen zur selbständigen Gemeinde erklärt. Im Folgejahr wird dann schließlich mit der Befestigung des Sandweges nach Ludwigsfelde begonnen. An seiner Stelle wird die wohl erste Betonstraße Deutschlands gebaut. Später wird das Verfahren beim Bau der Reichsautobahnen perfektioniert.

Das Aussehen des Landerziehungsheimes zu jener Zeit beschreibt ein Bericht des Teltower Kreiskalenders recht gut:

Zöglinge beim Turnen…Die Landgemeinde Struveshof besteht im wesentlichen aus dem gleichnamigen Landerziehungsheim der Stadt Berlin, das hier – mitten im Weltkrieg – 1917 entstand. Seine Keimzelle war der bereits erwähnte Gutshof, der als Vorwerk zu dem Gut Schenkenhorst gehörte. Die alten Gebäude: Stall, Scheune und drei Wohnhäuser, blieben erhalten und dienen heute noch ihrer ursprünglichen Bestimmung. Sie wurden einbezogen in eine größere Anlage, die um sie herum gebaut wurde: 9 Wohnhäuser für die Jugendlichen, Verwaltungsgebäude, Schulhaus, ein großes Wirtschaftsgebäude mit Küche und Waschküche, das zugleich Kirche und Turnhalle einschließt, Wohnhäuser für das Personal, Werkstätten, Lazarett und das Maschinenhaus mit schlankem Schornstein, das die Anstalt mit Licht, Kraft und Wasser versorgt. Alle Bauten fügen sich in den freundlichen Stil einfacher Landhäuser gut in die schlichte Teltow-Landschaft ein. In ihrer unmittelbaren Umgebung entstanden weite Sportplätze – allein vier Fußballplätze – mit Aschenbahn und Springgrube, mit einem künstlichen Badeteich, einer Hindernisbahn und einem Schießstand. Über den regen Sportbetrieb hinaus dienen sie mitunter den nationalsozialistischen Verbänden, der Gendarmerie, der Feuerwehr, den Schulen der näheren Umgebung als Übungsstätte.

Struveshof nach dem Bombenangriff

Struveshof nach dem Bombenangriff

Leider wurde auch Struveshof nicht vom 2. Weltkrieg verschont. Am 27. März 1943 kamen bei einem Bombenangriff, der wohl hauptsächlich dem Daimler-Benz Werk galt, 17 Menschen in Struveshof ums Leben. Zehn von ihnen waren noch Kinder.

Bei Ende des 2. Weltkrieges wurde in Struveshof zunächst ein Lazarett der sowjetischen Armee eingerichtet. Gleichzeitig diente das Gelände – aus dem gleichen Zweck wie schon bei seiner Eröffnung – zur Unterbringung heimatlos gewordener Jugendlicher. Es wurde nun Jugendwerkheim. In den Anfangsjahren war es mit bis zu 500 Jugendlichen belegt und damit total überfüllt. Dies normalisierte sich in den Folgejahren wieder. 1952 wird von 250 Bewohnern berichtet. 1960 wurde das Jugendwerkheim für Schwererziehbare wieder geschlossen. Das Institut für Jugendhilfe wird gegründet. 1961 erfolgt dann die Eingemeindung von Struveshof nach Ludwigsfelde.

Zentralinstitut für Weiterbildung in Struveshof

Zentralinstitut für Weiterbildung Ende der 70er Jahre

Ein Jahr später wird Struveshof Sitz des Zentralinstituts für Weiterbildung (ZIW). Zu dieser Zeit etwa siedelt sich auch Industrie im Ortsteil an. 1988 wird für das ZIW noch ein repräsentatives Hörsaalgebäude errichtet, ehe das Institut 1990 geschlossen wird.

1991 tritt das neu gegründete Pädagogische Landesinstitut Brandenburg (PLIB) an seine Stelle. 2001 zieht auch das Medienpädagogische Zentrum Brandenburg (MPZ) nach Struveshof. Beide fusionieren 2003, das Landesinstitut für Schule und Medien Brandenburg (LISUM Bbg) geht daraus hervor. Aktuell ist Struveshof Sitz des Landesinstituts für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM), 2006 als Fusion der entsprechenden Einrichtungen Berlins und Brandenburgs gegründet.

2012 ging der Haltepunkt Ludwigsfelde-Struveshof in Betrieb, genau 60 Jahre nachdem bereits das Jugendwerkheim einen solchen bei der Deutschen Reichsbahn beantragte. Man wollte damals die Stückgutversorgung für die Werkstätten verbessern, voraussichtlich 100 Mitarbeiter und Jugendliche pro Woche würden die Bahn benutzen – es kam nicht dazu.

Die gesamte Anlage des ehemaligen Landeserziehungsheimes steht heute unter Denkmalschutz.

Quellen:

  • Ludwigsfelder Geschichte und Geschichten Teil 9
  • Teltower Kreiskalender 1939
  • Oliver Krzywanek: Die Entstehung der Berliner Kanalisation (Publikation der FU Berlin)
  • Akte XI.1/1684 des Kreisarchivs Luckenwalde
  • Was Häuser erzählen können Bd. 2

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